Vergangenheit, die nie vergeht…

Zum Kriegsgedenken: Die Frage nach kollektiver Schuld und Verantwortung

Michèle Malin Rüger

Michèle Malin Rüger

  1. Mai 2018. Ein Artikel über die Frage der kollektiven Schuld der damaligen deutschen Bevölkerung zum Gedenken der unzähligen Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft

 

Von Michèle-Malin Rüger, Schülerin der Q2 des Gymnasiums Hohenlimburg

 

Noch heute beschäftigen die Menschen die dramatischen Geschehnisse Mitte des 20. Jahrhunderts. Zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft im Deutschen Reich und Europa verloren Millionen von Menschen ihr Leben, weil sie nicht den ideologischen Vorstellungen und Prämissen der Nationalsozialisten entsprachen, im Kampf des „totalen Krieges“ fielen, als unschuldige Opfer getötet wurden oder starben, weil sie sich eben, wie zum Beispiel die Mitglieder der Weißen Rosen genau gegen dieses Regime zur Wehr setzten.

Den mutigen Menschen, die nicht blind zusahen und versuchten in dieser Zeit des Schreckens die Gegebenheiten zu verändern, widme ich meinen Artikel. Er soll erinnern und den mutigen Widerstand in Ehren halten und mahnendes Beispiel für Gegenwart und Zukunft sein.

Dieser Artikel soll die Menschen in der Gegenwart und Zukunft zum Nachdenken über die Frage anregen, inwiefern ein jeder Mitschuld getragen hat, der sich in der Zeit des Nationalsozialismus nicht dem NS-Regime widersetzt hat. Denn diejenigen, die sich auch heute nicht gegen Fremdenhass, rassistische Parolen und Antisemitismus widersetzen, haben mehr mit dem Handeln der Deutschen während des Nationalsozialismus gemein, als man vordergründig denken mag.

Die Weiße Rose stellte einst die These auf, dass jeder, der sich nicht dem Nationalsozialismus widersetzt habe, schuldig sei (Weiße Rose. Flugblatt II). Ausgehend von diesem zeitgenössischen Text, der von einer Widerstandsgruppierung, die sich aus jungen Menschen rekrutierte, verfasst und verteilt wurde, stellt sich die bis in die Gegenwart wirkende Frage nach der Kollektivschuld der Deutschen an den Verbrechen des Nationalsozialismus.

Tatsächlich ist eine eindeutige Beantwortung dieser These sehr schwierig zu treffen, da man sich viele verschiedene Aspekte vor Augen führen muss, um zu klären, inwiefern man von Mit- oder Kollektivschuld sprechen kann.

Zunächst stellt sich natürlich die Frage, inwiefern es denn Widerstand überhaupt gegeben hat und wie dieser ausgesehen hat. Nach Peukert (1983) sind die Formen des Widerstands der Protest, die Verweigerung, Nonkonformität und der aktive Widerstand. Die Verteilung von Druckschriften, Sabotage-Aktionen, Schmier- und Fahnenaktionen und zuletzt Attentate zählen beispielsweise zu den aktiven Formen des Widerstandes.

Die aktiv-widerständige Weiße Rose ist nur eine von verschiedenen jugendlichen Widerstandsbewegungen. Es gab beispielsweise auch noch die Swing-Jugend oder die Edelweißpiraten, die mit ihrem unangepassten Verhalten und ihrer Verweigerungshaltung Dissens (Kershaw 1985) zeigten.

Der Fakt, dass es Opposition von der Seite der Jugendlichen gab, ist besonders interessant, wenn man sich vor Augen führt, dass es eine Hitlerjugend gab, welche die Jugend im Sinne des Nationalsozialismus erziehen und beeinflussen sollte. Denn die Jugendlichen sind mit dem Nationalsozialismus groß geworden und dennoch gab es welche unter ihnen, die Unrecht von Recht unterscheiden konnten und sich gegen das Unrecht der Nationalsozialisten stellten.

Auch gab es vereinzelten Widerstand bei den Priestern und Pfarrern – der bekannteste unter ihnen ist sicherlich Kardinal Graf von Galen, der gegen das Euthanasie-Programm predigte und damit gegen die NS-Verbrechen protestierte.

Den größten Block der Oppositionellen bildete die Arbeiterbewegung. Die Kommunisten widersetzen sich am stärksten, zahlten dafür aber als Systemfeinde auch den höchsten Preis, indem sie verfolgt, gefoltert, in Konzentrationslager eingesperrt und hingerichtet wurden.

Die Sozialdemokraten suchten ihren Weg in der Opposition. Auch sie wurden unterdrückt und ihre Partei, wie alle anderen Parteien auch, verboten. Ferner gab es den konservativen Goerdeler Kreis, der sich klar gegen das Regime stellte und eine neue konservative Ordnung für den Fall eines geglückten Staatsstreichs entwarf. Diesen versuchten Attentäter, wie beispielsweise Georg Elser oder Claus Graf Schenk von Stauffenberg, der mit dem Goerdeler Kreis in Verbindung stand, durch die Tötung Hitlers zu realisieren. Der Kreisauer Kreis entwarf ebenfalls ein Modell konservativer Ordnung für die Zeit nach dem Nationalsozialismus – blieb aber passiv.

Aber die traurige Wahrheit ist, dass fast jeder, der den Mut zum Widerstand aufbrachte, ein grausames Schicksal erlitt. So bezahlten zum Beispiel die Geschwister Hans und Sophie Scholl und Alexander Schmorell mit ihrem Leben dafür, dass sie die oppositionellen Flugblätter der Weißen Rose verbreitet hatten.

Was mit den Widerständlern gemacht wurde blieb auch in der Bevölkerung nicht unbekannt.

Die Öffentlichkeit wusste von den Konsequenzen, die einen erwarteten, wenn man sich gegen das Regime stellte. Der Vorsitzende des Volksgerichtshofs Roland Freisler tat mit der propagandistischen Inszenierung der Aburteilung von Widerständler alles dafür, dass bekannt wurde, was mit Menschen, die sich wie die Geschwister Scholl aktiv gegen das System wendeten, passierte.

Die Menschen wussten von den Verbrechen, die an den Widerstandskämpfern verübt wurden, genauso wie sie von den Verbrechen der Nationalsozialisten an den Juden wussten.

Es ist zutreffend, dass es eine zensierte Staatspropaganda gab, jedoch ist das Argument, dass der Normalbürger somit keine oder nur eine bedingte Möglichkeit gehabt hätte über die Verbrechen Bescheid wissen zu können, zu überdenken. Aufgrund neuer Forschungen wissen wir von der Existenz zahlreicher Belege aus der damaligen Zeit, wie zum Beispiel Tagebüchern (z.B.: Victor Klemperers Tagebücher), die uns Auskunft darüber geben, was die Deutschen über den Holocaust wussten. Darüber hinaus ist bekannt, dass die Angehörige der Wehrmacht und der Einsatztruppen zu Hause offen über die Massenexekutionen an Juden berichteten (Browning 1999). Somit ist davon auszugehen, dass die Bevölkerung sehr wohl von den Taten der Nationalsozialisten wusste. Belegt wird das auch durch das zweite Flugblatt der Weißen Rose. Denn hier ruft die Weiße Rose gerade vor dem Hintergrund der Kriegsverbrechen an Polen und Juden im Generalgouvernement zum Widerstand gegen das Hitler-Regime auf.

Es ist zu behaupten, dass weite Kreise der Bevölkerung aus Angst um ihr eigenes Leben und aus Angst um das Wohl ihrer Angehörigen auch dann vor Widerstand zurückschreckten als die Niederlage des Dritten Reiches immer deutlicher wurde. Während dem heroisch einzelnen Widerständler die Hinrichtung drohte, konnte die Familie von Oppositionellen und Widerständlern in Sippenhaft genommen wurden. Dies stellte ein starkes staatliches Druckmittel dar, welches staatskonform Verhalten förderte und Widerstand verhinderte. Die allgegenwärtige Gefahr der Internierung in ein Konzentrationslager war ebenfalls präsent. Denn auch die Lager und die Geschehnisse in den Lagern waren bekannt. Der Begriff „Dachau“ war in aller Munde, z.B. durch Berichte in der staatlich gelenkten Presse.

Doch Angst vor dem Regime alleine war es nicht, welche die Zeitgenossen zu mindestens zu passiven Unterstützern des NS-Regimes machte. Kershaw (2011) hat gezeigt, dass je näher die Niederlage rückte, die deutsche Bevölkerung sich geschlossener hinter Hitler formierte, um die Niederlage zu verhindern – aus Angst vor den Konsequenzen, die bei einer Niederlage durch die Alliierten zu befürchten waren. Auch die Weiße Rose wurde erst dann aktiv, als die Niederlage nach den gescheiterten Sommeroffensiven gegen die Sowjetunion 1941/1942 sich abzuzeichnen schien. Sie suchten dann eine Veränderung des Systems, wo weite Teile der Bevölkerung tatenlos zusahen, um die totale Niederlage abzuwenden.

Wenn man sich jetzt in Ergänzung zu Peuckert das Schema von Klaus Bergmann (1997) über Zustimmung oder Ablehnung des Nationalsozialismus durch die deutsche Bevölkerung bewusst macht, wird ferner Folgendes deutlich.

Die Nationalsozialisten indoktrinierten das Volk mit ihrer Ideologie, erfassten und beeinflussten die Bevölkerung mit ihrer Massenpropanda und kontrollierten diese mit exkludierenden als auch inkludierenden Maßnahmen.

Die Nationalsozialisten wussten wie sie das Volk zu behandeln hatten, um es vom Widerstand abzuhalten. Neben Massenpropaganda und Kontrollmaßnahmen gab es wie schon bereits erwähnt die Hitlerjugend oder die Deutsche Arbeitsfront (DAF). Mit Aktionen wie Kraft durch Freude (KdF) begeisterte man die Menschen und wollte die Zustimmung zum Nationalsozialismus in der Bevölkerung sichern. Gleichzeitig schränkte man die Menschen aber auch ein, wenn man sich nicht mitziehen ließ. Ein Beweis hierfür ist, dass die Deutsche Arbeiterfront an Stelle der verbotenen Gewerkschaften trat und es Pflicht wurde Mitglied in der DAF zu sein.

Das Volk selbst stand dem Nationalsozialismus mit fanatischer Begeisterung, hoffnungsvollem Wohlwollen, opportunistischem Mitläufertum und vereinzeltem Widerstand gegenüber.

Im Volk gab es, wie Bergmann (1997) gezeigt hat, nicht nur Zustimmung und Opposition von Seiten des Volkes. Zwischen fanatischer Begeisterung und vereinzeltem Widerstand treten zwei weitere Gruppen: jene, die sich hoffnungsvoll wohlwollend dem Regime gegenüber verhielten, und jene, die das opportunistische Mitläufertum bildeten. Diese beiden Gruppen stimmen dem Nationalsozialismus zwar nicht vollständig zu, widersetzen sich jedoch auch nicht.

Das zeigt, dass man sich, um Stellung zu der Frage einer Kollektivschuld nehmen zu können, diese zwei Gruppierungen ebenfalls berücksichtigen muss. Denn die aktiven Unterstützer des Nationalsozialismus und diese beiden zuvor genannten Gruppen zeigen die Einstellung der absoluten Mehrheit der deutschen Bevölkerung – so unschön auch in der Retrospektive dieses Faktum ist.

Zerstörte Stadt

Quelle: Spiegelonline.de

Das hoffnungsvolle Wohlwollen ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass es ja Gründe gab, die die Machtergreifung Hitlers möglich machten. Nachdem die Weimarer Republik, welche viele Krisen mit sich brachte, gescheitert war, sehnte man sich im Volk nach Autorität und einer nicht-parlamentarischen Elitendiktatur. Von Hitler versprach man sich die Erfüllung dieser Wünsche. Daraus entstand hoffnungsvolles Wohlwollen. Jedoch blendete man dabei die unzähligen schrecklichen Verbrechen der Nationalsozialisten einfach aus. Das opportunistische Mitläufertum lässt sich vermutlich auf die meisten deutschen Bürger beziehen. Dementsprechend widersetzte man sich aus den oben genannten Gründen nicht dem Regime, obwohl man von den schrecklichen Taten der Nationalsozialisten wusste.

Man wusste aber auch von den Schicksalen derer, die sich widersetzten. Die Angst vor solch einem Schicksal war größer als das Pflichtgefühl, sich für die entrechteten Minderheiten einzusetzen, auch aus Angst, selbst aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Zwar mag das Verhalten nachvollziehbar sein, ist dieses Verhalten doch angesichts von Todesdrohungen und aus Angst vor Folter und Konzentrationslager mehr als verständlich. Doch keinesfalls kann dies jedoch als Rechtfertigung ausreichen, warum man angesichts der Vielzahl an offenkundigen Verbrechen nicht reagierte. Dafür sind die schrecklichen Verbrechen moralisch viel zu schwerwiegend. Genau dies ist das Problem bei der Beurteilung der Frage nach der Kollektiv- oder Mitschuld der deutschen Bevölkerung an den Verbrechen des Nationalismus.

Doch wie lässt sich letztendlich Stellung zu der These der Weißen Rose beziehen?

Klar ist, dass diejenigen, die die unzähligen grausamen Verbrechen geplant, in Auftrag gegeben und schließlich ausgeführt haben, schuldig sind. Da besteht kein Zweifel. Bei diesen Menschen kann man aus heutiger Sicht auch von einer juristischen Schuld sprechen.

Bei denen die zugesehen haben, die sich nicht widersetzt haben und einfach nichts unternommen haben, kann man auch von einer (Mit-)Schuld sprechen. Natürlich trifft diese Menschen eine Schuld, da sie nichts unternommen haben, um Verbrechen wie zum Beispiel den Holocaust, zu verhindern. Jedoch haben sie diese Verbrechen nicht durchgeführt und standen vermutlich nicht mal hinter ihnen. Aber sie haben sich schuldig gemacht, indem sie lediglich hingesehen und doch weggeschaut haben (Gellately 2005). Der große Unterschied zwischen denen, die die Verbrechen begingen, und denen, die nichts unternommen haben, liegt in dem unterschiedlichen Bewusstsein über die Taten. Das bedeutet, dass die Täter, die sich völlig im Recht sahen, bei dem was sie taten, für schuldig zu erklären sind und sich die Mitläufer, die sich bewusst über wahres Recht und Unrecht waren, ebenfalls mitschuldig gemacht haben. Im Gegensatz zu den Tätern wussten sie nämlich genau, dass es Unrecht ist, was die Nationalsozialisten den entrechteten Minderheiten, wie zum Beispiel den Juden, antaten.

Abschließend muss festgehalten werden, dass die Möglichkeiten des Widerstandes im nationalsozialistischen Repressionsapparat begrenzt waren und auch die Ausgestaltung der Volksgemeinschaftsidee und die Propaganda und Indoktrinierung einen nicht unwesentlichen Erfolgsfaktor des Nationalsozialismus darstellt, welche einen Widerstand zunächst auch für weite Bevölkerungskreise unmöglich macht. Ferner ist nicht zu leugnen, dass Widerstand gleichbedeutend mit Tod oder schwerer Haft verbunden gewesen wäre.

Dennoch kann man sagen, dass der These der Weißen Rose, dass ein jeder, der sich nicht dem Nationalsozialismus widersetzt habe, schuldig sei, zuzustimmen ist und dass man durchaus von einer kollektiven Schuld sprechen kann. Dies lässt sich durch die Tatsache begründen, dass die Nationalsozialisten sich unwiderlegbar schuldig mit dem gemacht haben, was sie taten und wofür sie sich einsetzten, genauso wie diejenigen mitschuldig an den Verbrechen der Nationalsozialisten sind, die nichts unternommen haben, da sie sich über die moralische Bewertung des Handelns der Nationalsozialisten zwar im Klaren waren, aber dennoch tatenlos blieben.

Letztendlich bleibt der Aufruf an uns alle, nie zu vergessen, welcher Schrecken sich in der deutschen Geschichte ereignet hat, damit diese Geschichte verarbeitet werden kann und ihrer unzähligen Opfer erinnert werden kann. Aber vor allem, damit wir alles Erdenkliche tun, um so etwas nie wieder geschehen zu lassen.

Wir, die heutige Generation, sind nicht schuldig daran, was vor mehr als 70 Jahren geschehen ist, aber wir sind dazu verpflichtet, zu verhindern, dass so etwas noch einmal geschehen kann.

Literatur:

 

  • Flugblatt der Weissen Rose II. In: Inge Scholl: Die Weisse Rose. Erweiterte Neuausgabe. Frankfurt am Main 7. Auflage 1998, S. 80-83.
  • Klaus Bergmann: Nationalsozialismus – Zustimmung und Verführung. In: Geschichte lernen Heft 57 (1997).
  • Christoph Browning: Ganz normale Männer: Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen. Berlin 1999.
  • Robert Gellately: Hingeschaut und weggesehen. Hitler und sein Volk. Bonn ³2005.
  • Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45. Bonn 2011.
  • Ian Kershaw: ’Widerstand ohne Volk?’ Dissens und Widerstand im Dritten Reich. In: Jürgen Schmädeke/Peter Steinbach (Hrsg.): Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die deutsche Gesellschaft gegen Hitler. München/Zürich 1985, S. 779–798.
  • Peter Longerich: „Davon haben wir nichts gewusst!“. Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945. München 2006.

Detlev Peukert: „Die Edelweißpiraten“. Köln ²1983.

One comment

  • Ich bin überrascht, dass ein so junger Mensch in der heutigen „Konsum und Sozial-Media-Zeiten“ sich derartige Gedanken gemacht hat. Es wäre wünschenswert, wenn viele diesen Artikel genau lesen, verarbeiten und ihre Schlüsse daraus ziehen.
    Viele kleine Tropfen versammeln sich auch zu einem Strom.

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