Lost Places: Hinter verbotenen Türen – Chemie

Teil 1: Die Chemiesammlung

Von Gwana Hasso, Laura Bergmann

Der naturwissenschaftliche Trakt der Schule ist ein Mysterium. Nicht, weil es aus den fensterlosen Gängen scheinbar kein Entkommen gibt sondern weil es Räumlichkeiten gibt, die von Schülerinnen und Schülern nicht betreten werden dürfen: Die naturwissenschaftlichen Sammlungen. Für die naturwissenschaftlichen Fachlehrerinnen und Fachlehrer der Schule sind diese Räume ein wahres Eldorado, eine Spielwiese für Experimente und kreative Ideen. Wir haben alle drei Sammlungen aufgesucht und mit den Sammlungsleitern gesprochen. Wir lüften das Geheimnis hinter den „Lost Places“.

Teil 1: Die Chemiesammlung

Herr Sahling, der seit einem halben Jahr an unserer Schule unterrichtet, ist Chemiker und Biologe. Aber warum er gerade diese Fächer gewählt hat und was ihn an Chemie so fasziniert, erklärt er euch hier. Ebenso äußert er sich zur momentanen Schulsituation und was er sich für die Zukunft wünscht.

 

Was fasziniert Sie an Ihrem Fach?

Ich halte mich selber für einen Naturwissenschaftler primär. Man versteht die Welt um sich herum! Das ist für euch noch schwer, aber stellt euch das mal so vor. Er holt Zettel und Stift und malt ein Diagramm mit verschiedenen Themenbereichen auf. Ihr müsst lernen: Beispielsweise Oxidation, Reduktion, dann irgendwas über Atome und über Elektronen… Und das sind einfach nur Punkte in diesem Diagramm, wobei es schwierig ist, etwas neues einzufügen, weil es noch keinen großen Sinn ergibt. Aber je mehr ihr lernt, desto mehr fangen die Dinge an irgendwann Sinn zu ergeben. Dann sieht man das größere Bild und dann fängt es an, richtig Spaß zu machen, weil ihr Dinge vorhersagen könnt, die ihr nicht gelernt habt. Ihr könnt Vermutungen anstellen, wie sich technische Anlagen verhalten werden oder wie bestimmte Dinge ablaufen und dabei werdet ihr richtig liegen! Das ist eine riesige Faszination! Auch wenn man sich mit Science-Fiction auseinandersetzt, Visionen wie es mit uns weitergeht und ihr könnt teilhaben an der Entwicklung der Menschheit. Das ist eine große Sache!!!

 

Welchen Themenbereich nehmen Sie am liebsten durch?

Ich mag interdisziplinäre Sachen generell! Also alles, was themenübergreifend ist. Ich rede auch sehr gerne über Radioaktivität, weil es eine Schnittstelle zwischen Atombau, Chemie und Physik, aber auch zwischen Biologie ist, wenn man es richtig angeht. Ich mag außerdem sehr Botanik, also Pflanzenkunde, da auch Gift teilweise mit rein spielt. Da sind wir wieder im Bereich der Chemie, ich habe mich z.B. intensiv mit Herculesstauden auseinander gesetzt, also dem Giftstoff in ihnen.

 

Welche Experimente machen Ihnen besonders Spaß?

Alles mit Licht! Ich bin von der Uni Wuppertal, dort wurde ich von Herrn Tausch ausgebildet, er ist ein Fotochemiker, also Lichtchemie. Er macht viel mit Phosphoreszenz, dieses Thema liebe ich! Das Gift von Herkulesstauden basiert auf diesem Vorgang, das ist ein Fluoreszens Giftstoff, wenn man so will. Meine Abschlussarbeiten habe ich auch einmal über eine selbst gebaute Solarzelle und über Kryptonplasma geschrieben. Also alles mit Licht!  -Da lächelt Herr Sahling-

Welche historischen Gegenstände gibt’s in der Sammlung?

Das ist ein Hoffmann´schen  Zersetzungsapparat, das ist ein unheimlich klassisches Gerät, welches vom Prinzip her schon 200 oder sogar 300 Jahre alt ist. Aber selber eben noch nicht! Ansonsten haben wir noch einige ältere Bücher in der Sammlung stehen, darunter ist das älteste 61 Jahre alt. Das ist das Schöne an Naturwissenschaften, das Wissen, welches darin steht, veraltet nie. Die Grundlagen verändern sich eben nicht mehr.

 

Können die Experimente gefährlich sein? Inwiefern?

Hier in der Schule gibt es eigentlich nur sehr wenige, gefährliche Chemiekalien, schlimmer als Brom wird es nicht und selbst diese machen wir Lehrer in der Regel selbst. Es stellt sich eher die Frage: Wie sicher experimentieren die Lehrer? Dies tun sie hier an der Schule sehr gut, sodass für euch keine Gefahren bestehen.

 

Welche Experimente würden Sie gerne einmal durchführen, wenn Sie die Möglichkeiten hätten?

Ich spiele unheimlich gerne mit Trockeneis. Wir haben Trockeneis schon einmal für eine Klasse geholt, doch das Experimentieren ging in die Hose, obwohl es eine ziemlich gute Klasse war. Denn Trockeneis ist festes Kohlenstoffdioxid (CO2) und, wenn man dieses in Wasser packt, wird es gasförmig und blubbert so schön. Es ist nur blöd, wenn jemand eine der Flaschen zudreht. Dann baut sich Druck auf, bis die Flasche platzt. Dies tat einer in dieser Klasse, weshalb die Plastikflasche explodierte, wobei keiner zu Schaden kam. Aber auf meinen Zuruf „Raum evakuieren“ fragte mich einer, was evakuieren bedeute. Das ist kein Witz! Und das von einem Neuntklässler, aber deshalb mache ich das nicht mehr.

Besteht die Möglichkeit, mit Materialien aus der Sammlung, eine Atombombe herzustellen?

Die Schule hat kein angereichertes Uran und keine anderen zündfähigen Isotope und vor allem nicht ausreichende Mengen! – Herr Sahling muss schmunzeln. –  Dieses Thema gehört zur Kernchemie bzw. zum Teil zur Physik und Technik (also Natron Reflektoren bauen). Grob wie eine Atombombe funktioniert, ist leicht zu recherchieren, aber die technischen Feinheiten und Details, die sind gar nicht so leicht und das lernt man hier nicht. Also haben wir hier weder die technischen Möglichkeiten, noch die stofflichen Mittel, um Atombomben zu bauen.

Gibt es etwas in der Sammlung, was Sie besonders  fasziniert? Warum?

Wir haben sehr viele Chemikalien aus Altbeständen, die wir eigentlich nicht brauchen. Wir haben auch viele Metalle, die in vielen Schulen nicht verfügbar sind, wie Brom und Lithium. Allerdings wäre es schön, wenn wir Bismut hätten. Aber faszieneren mich auch einige Farbstoff, die wir hier haben.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft in der Chemiesammlung?

Ich hätte unfassbar gerne Parafilm -er muss selber lachen-, eine Art Frischhaltefolie nur cooler. Damit kann man Gefäße abdecken. Es ist quasi ein Altagsgegenstand, der leider fehlt.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft in Ihrem Unterricht?

Ich wünsche mir ganz dringend G9. Ebenso die Regulierung des Unterrichts, denn wir müssen einige Dinge tun, von denen ihr nichts mitbekommt, wie zu jedem Experiment eine ausführliche Gefährdungsbeurteilung verfassen. Wobei ich der Meinung bin, dass diejenigen, die das Fach studiert haben, wissen was sie tun. Wobei sich viele das Leben leicht machen und dies einfach sein lassen, was schade ist, denn es ist viel Zusatzarbeit, um mit euch experimentieren zu können.

 

Am Ende des Interviews zeigte uns Herr Sahling ein kleines Experiment, in dem wir eine Zinkgranalie auf das Uhrglas und sie so unter das Mikroskop legten, sodass wir ihren Rand scharf erkennen konnten. Dazu gaben wir ein paar Tropfen Silbernitrat auf die Granalien.

Im laufe der Zeit konnte man am Rand der Granalie Strukturen eines „Baumes“ sehen. Denn dabei bildete sich aus dem Zink mit der Silbernitratlösung elementares Silber.