Nachgefragt – Lehrer im Interview – Kersken

Wie hat Fr. Dr. Kersken eigentlich zu Religion gefunden?

Von Milena Stange

Seit Beginn diesen Jahres gibt es nun die Reihe ,,Nachgefragt – Lehrer im Interview“.  Jeden Monat könnt ihr auf unserer Seite ein neues Interview lesen. Hier werden Lehrern Fragen zu allen möglichen Themen gestellt, denn schließlich hat auch diese Spezies interessante Geschichten und Meinungen, die es zu erfahren lohnt. Greenlionz deckt sie auf.

Seit zahlreichen Jahren läuft Fr. Dr. Kersken nun durch unser Schulgebäude, manchmal sogar in Begleitung von Nana, dem Schulhund, über den Greenlionz vor einiger Zeit schon ein mal berichtet hat. Doch diesmal geht es nicht um den kleinen Zwergpudel, sondern um die Besitzerin, die uns erzählt, wieso sie eigentlich Reli-Lehrerin geworden ist. Heute ist sie an unserem Gymnasium ein Sinnbild für dieses Fach, doch woher kommt ihre Begeisterung und welche Rolle spielt das alles im Leben der Theologin?

Was bedeutet Religion für Sie?

Religion ist meine Art, meine Beziehung mit Gott zu gestalten.

 

Wie haben Sie zum Christentum gefunden? Sind Sie damit aufgewachsen oder war das irgendwann eine eigene Idee?

Ich stamme aus einem Elternhaus, das eher durchschnittlich religiös war, auch christlich, aber eben nicht besonders streng. Wir haben gebetet, vor dem Essen und abends im Bett, ansonsten kam da aber nicht viel mehr.

Nach der Konfirmation bin ich in den Kindergottesdienst eingestiegen, das mache ich bis heute. Es hat mir schon immer Spaß gemacht, Kindern von Gott zu erzählen, ihnen die Bibel nahezubringen. In diesem Alter wusste ich aber überhaupt nicht, was ich später machen wollte, doch mein Deutsch- und Reli-Lehrer, der hat mich auf die Idee gebracht, Theologie zu studieren. Allerdings wollte ich nie an die Schule, genau da bin ich heute, deshalb habe ich nicht auf Lehramt, sondern voll studiert.

Und warum sind Sie dann doch Lehrerin geworden?

Gute Frage! (lacht)

Nach der Geburt unserer zweiten Tochter bin ich Elternzeit gegangen, drei Jahre lang, und in dieser Zeit hat sich herausgestellt, dass sie ein Förderkind war. Darum habe ich meine Pause um drei weitere Jahre verlängert, wir sind nach Iserlohn umgezogen, und kurz vor Beginn der Sommerferien, das weiß ich noch ganz genau, kriegte ich plötzlich einen Anruf vom damaligen Schuldezernenten des Kirchenkreises Iserlohn: ,,Frau Kersken, wir haben gehört, Sie sind ein freifliegendes Radikal im Kirchenkreis, könnten Sie sich nicht vorstellen, vier Stunden in der Woche an der Hauptschule in Elsey zu unterrichten?“ ,,Vorstellen kann ich mir einiges“, habe ich darauf geantwortet, und so bin ich eben an die Schule gekommen.

 

Wie ging es danach weiter?

Später sind fünf Stunden an einer anderen Hauptschule hinzugekommen, nach einem Jahr noch fünf Stunden hier an dieser Schule. An drei Schulen gleichzeitig zu sein, war äußerst anstrengend, deswegen war ich dann froh, als die Stelle an der einen Hauptschule besetzt werden konnte und ich nur noch an zwei Schulen war. Seit 2008 bin ich ausschließlich hier.

 

Wieso haben Sie sich dann entschieden, dauerhaft bei uns zu unterrichten?

Ich habe mich eingearbeitet und Fortbildungen gemacht, damit ich bis zum Abitur unterrichten darf. Da war dann auch ein Stück Trägheit bei, nach der Zeit noch was anderes anzufangen war mir zu aufwendig. Und außerdem habe ich festgestellt, dass die Arbeit an der Schule eben doch was positives hat, auch der geregelte Tagesablauf, gerade wenn ich Zuhause zwei kleine Kinder habe. Je älter die Kinder wurden, desto mehr Möglichkeiten hatte ich, mich hier in der Schule einzubringen. Das hat einfach gut gepasst.

 

Abgesehen von der Schule, welche Rolle spielt Religion in Ihrem Alltag?

Meine persönliche Religiosität zeigt sich im gemeinsamen Beten, im Lesen der Bibel, im Nachdenken über biblische Geschichten und auch im Reden darüber, zum Beispiel im Unterricht, wo ich mit Schülern und Schülerinnen gemeinsam überlege, was uns diese Texte eigentlich sagen.

 

Also auch die Übertragung in die heutige Zeit?

Ja, genau. Jesus hat immer mit Menschen gesprochen, wir können ihn nicht mehr sehen, aber seine Worte sind überliefert und mit denen können wir uns auch heute noch beschäftigen.

 

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, eine andere Religion anzunehmen?

Ja, das Judentum. Jesus war Jude und ohne diese Mutterreligion kann man vieles nicht so gut verstehen. Das versuche ich den Schülern auch immer wieder klarzumachen. Natürlich haben die ersten Christen, die sogenannten Heidenchristen, unabhängig vom Judentum existiert, doch trotzdem hat diese Religion vieles geprägt.

 

Sie haben überlegt, Jüdin zu werden, sind es dann aber doch nicht. Was hat Sie überzeugt, Christin zu bleiben?

Viele Regeln im Judentum erschienen mir damals als starr. Regeln finde ich ganz, ganz wichtig, sie sind wie eine Leitplanke im Leben, an der man sich orientieren kann. Aber wenn ich das nur noch als Muss ansehe, habe ich da so meine Probleme mit. Ich habe viele Jahre lang während meines Studiums mit Jüdinnen und Juden gelebt, an Synagogen-Gottesdiensten teilgenommen und mit ihnen Fest gefeiert. Das fand ich total toll und spannend, habe mir auch manches abgeguckt. Aber meine Vorstellung vom Christentum ist eine etwas offenere, das hat dem entgegengewirkt. Es gibt auch Christen, die genauso strenge Regeln befolgen, aber mein Bild war eben ein anderes.

 

Haben Sie schon ,,religiöse Erfahrungen“ gemacht, die Sie bei Ihrem Glauben gehalten haben?

Religiöse Erfahrungen haben bei mir oft in negativen Dingen ihren Ursprung, irgendetwas hat nicht geklappt oder dass unsere zweite Tochter halt nicht so ist wie andere Kinder, dass ich dann erst mal arbeitslos war, das fand ich damals nicht gerade prickelnd. Im Nachhinein habe ich so manches Mal gedacht, dass es gut war, wie es war. Es hat sich etwas ergeben, an das ich nie gedacht hätte. Da habe ich mich häufig bei Gott bedankt.

 

Sie haben also Ihre Erfahrungen mit Gott. Was sagen Sie denn zu Menschen, die mit Religion gar nichts anfangen können?

Schade, dass diese Menschen keinen Ankerpunkt in ihrem Leben haben oder ihn vielleicht mal hatten und dann so maßlos enttäuscht worden sind, dass sie diese Konsequenz gezogen haben. Ich verteufel diese Menschen nicht, ich kann ihnen nur immer wieder sagen, dass ich persönlich Gott einfach klasse finde, er begleitet mich und ist für mich da. Bei ihm kann ich alles abladen, so jemanden zu haben, finde ich toll.

 

Wenn  jemand mit Ihnen über die Existenz Gottes diskutieren will, was sind Ihre Argumente?

Erfahrungen mit Gott. Irgendwo vielleicht mal genauer hinzugucken und zu sagen, dass Gott da seine Finger im Spiel gehabt haben könnte, eben diese Erfahrungen, von denen ich gerade erzählt habe. Aber das setzt natürlich auch voraus, dass dieser Mensch bereit ist, sich auf andere Denkweisen einzulassen. Glaube hat was mit Erfahrung zu tun, Erfahrung mit Gott machen, wenn ich aber nicht bereit bin, diese Erfahrungen zu machen, spätestens dann habe ich keine Chance mehr. Und es lohnt sich, sich darauf einzulassen.