Nachgefragt: Lehrer im Interview

Zwischen damals und heute: Frau Queitsch, Lehrerin für Biologie und Geschichte, ist regelmäßig in zwei Welten unterweg

Von Milena Stange

Seit Beginn letzten Jahres gibt es nun schon die Interview-Reihe ,,Nachgefragt – Lehrer im Interview“. Auch 2019 könnt ihr jeden Monat ein neues Interview auf unserer Seite lesen. Hier werden Lehrern Fragen zu allen möglichen Themen gestellt, denn schließlich hat auch diese Spezies interessante Geschichten und Meinungen, die es zu erfahren lohnt. Greenlionz deckt sie auf.

 

Es gibt Dinge, die viele Leute in ihrer Freizeit tun; lesen, Sport treiben, Freunde treffen, so was eben. Doch Frau Queitsch hat sich das etwas anders überlegt: Ihre Freizeit verbringt sie gerne in einer anderen Zeit. Was genau sie da eigentlich so macht und was es bedeutet, etwas schon längst Vergangenes in die Gegenwart zu holen, erklärt sie in diesem Interview.

 

Ich muss ehrlich sein: Abgesehen von der Information, dass Sie ,,irgendetwas mit Mittelalter“ machen, habe ich keine Ahnung, worum es heute geht. Beschreiben Sie bitte erst mal, was genau unser Thema ist und wie Sie dazu gekommen sind.

Die meisten denken vermutlich zuerst an Rollenspiele oder Mittelaltermärkte, wenn sie davon hören. Genau das machen wir aber nicht. Wir sind ein Verein, der Geschichte lebendig macht (auch Living History genannt), also einen praktischen Zugang zu Geschichte bietet, den man im Alltag oder im Studium nicht kriegen würde. Wenn man beispielsweise in eine Ausstellung geht, guckt man sich erst die Exponate in den Vitrinen an und danach kann man manchmal noch in einen separaten Raum gehen. An dieser Stelle kommen wir ins Spiel: Da sind Menschen, die Kleidung tragen, die genau so aussieht wie die in der Ausstellung, Gegenstände zeigen, die sie rekonstruiert haben, diese benutzen und etwas darüber erzählen oder Fragen beantworten. Dabei bleibe ich aber ich, anders als beim Rollenspiel.

Ich habe im Geschichts-Studium jemanden kennengelernt, der etwas ähnliches gemacht hat. Das habe ich mir mal angeschaut und fand es interessant, dann habe ich es selbst ausprobiert und seitdem bin ich begeistert von diesem Hobby.

 

Und die Utensilien und Klamotten, die Sie dazu benutzen, sind dann von Ihnen selbst rekonstruiert?

Richtig. Das, was man kaufen kann, entspricht nicht den Ansprüchen, also müssen wir selbst tätig werden. Ich hatte in der Schule irgendwann mal Textilunterricht, aber diese Kenntnisse musste ich später noch mal auffrischen, als ich in das Hobby rein gerutscht bin. Dann sollte man beachten, welche Materialien man überhaupt nutzen kann, und das bezieht sich ja nicht nur auf Klamotten. Auch wenn man zum Beispiel ein Handwerk aus dieser Zeit zeigen oder etwas kochen möchte, muss man sich gut darüber informieren, was einem damals zur Verfügung stand. Deshalb arbeiten wir sehr viel mit Quellen.

 

Ich habe gehört, dass Sie auch schon mal etwas von dieser selbstgemachten Kleidung in den Unterricht mit eingebunden haben. Wie lässt sich das Ganze mit Geschichts-Unterricht vereinen?

Wenn es zum Thema passt, bringe ich manchmal etwas mit. Das Problem dabei – oder auch das Schöne – ist ja, dass wir uns in einem engen zeitlichen Rahmen, dem späten 12. Jahrhundert, der ,,großen Zeit des Rittertums“, befinden. Damit verbindet man neben den Rittern auch Minne, also das Werben um eine Frau, oder die Kreuzzüge. Das ist nur ein kurzer Zeitabschnitt, weil sich ja innerhalb der einzelnen Jahrzehnte auch viel verändert. Würde man jetzt alle Modetrends von 1950 bis heute in einem zusammenfassen wollen, dann käme da etwas ziemlich Lustiges bei raus. Deshalb haben wir so einen engen Rahmen und alle Utensilien sind auf diese Zeit beschränkt.

 

Aber wie kann man denn etwas, das zeitlich so weit entfernt ist, heute noch realistisch nachstellen?

Indem man sehr viel Arbeit darein steckt, gut zu recherchieren. Suchen, suchen, suchen, in Museen gehen, alles sammeln, fotografieren, archivieren, beschriften, lesen, lesen, lesen, dann einen Zusammenhang schaffen und zuletzt nach Materialien schauen.

 

Das klingt nach viel Arbeit. Wie viel Zeit investieren Sie darein?

Es kommt drauf an, wie viel zur Verfügung steht. Im Studium habe ich unheimlich viel Zeit dafür aufgewendet, besonders für die Recherche, das ist der größte Teil. Der zweitgrößte Teil ist die Rekonstruktion und nur ein kleiner ist das Zeigen auf Ausstellungen zum Beispiel, da werden wir innerhalb von Europa eingeladen, auch zu Stadtfesten, auf Burgen und Klöster, in Museen usw.

 

In ganz Europa?

Ja, ich bin richtig rum gekommen mit dem Hobby. Wir waren in Holland, Süddeutschland, Frankreich, Italien, Dänemark, England.

Da muss man dann häufig auf Englisch reden, das funktioniert aber auch nicht immer. Als wir in Frankreich waren, konnte fast niemand Englisch sprechen. Sie wollten sich gerne mit uns unterhalten und wir uns mit ihnen, aber es gab keine gemeinsame Sprache, auf der wir uns verständigen konnten. Also haben wir abends am Lagerfeuer gesessen und versucht, mit Fetzen von Deutsch, Englisch, Französisch, Latein, mit Händen und Füßen und was uns sonst noch eingefallen ist, über das Hobby zu reden und sachliche Diskussionen zu führen.

So lernt man auch viele Leute und Perspektiven kennen, auf die man sonst nicht gestoßen wäre.

 

Man kann aus dem Hobby also einiges lernen.

Genau. Ganz praktisch zum Beispiel den Umgang mit neuen Materialien oder Techniken. Aber auch das Aneignen neuer Fähigkeiten gehört dazu, nicht nur in Bezug auf die Herstellung von Gegenständen und die Präsentation, auch in Bezug auf detailliertes Recherchieren.

Doch vor allem lernt man, für etwas zu brennen. Und das ist ja das, worauf es am Ende ankommt. Dieses Hobby hat mein Leben sehr verändert; meine Perspektive, meine Wahrnehmung, meine Prioritäten, die Menschen, die ich kennengelernt habe, alles. Ohne das Hobby wäre es völlig anders verlaufen. Es ist einfach DAS Hobby!

Wer Interesse hat, sich auch mal damit auseinander zu setzen, kann sich zum Beispiel über die Seite des Vereins, in dem Frau Queitsch ist, informieren:

http://www.igwolf.net