Nachgefragt – Lehrer im Interview

Patrick Neuhaus: Vom Politkabarettisten zum Dramaturgen

Als Leiter des Literaturkurses kommt Herr Neuhaus um Bücher und Theaterbühnen nicht herum. Aber was denkt er eigentlich über die Standardwerke aus dem Unterricht? Und wie konsumiert er Literatur?

Seit Beginn letzten Jahres gibt es nun schon die Interview-Reihe ,,Nachgefragt – Lehrer im Interview“. Auch 2019 könnt ihr jeden Monat ein neues Interview auf unserer Seite lesen. Hier werden Lehrern Fragen zu allen möglichen Themen gestellt, denn schließlich hat auch diese Spezies interessante Geschichten und Meinungen, die es zu erfahren lohnt. Greenlionz deckt sie auf.

Den meisten von uns begegnet sie in der Freizeit, egal ob in Form von Büchern, Serien oder Theaterbesuchen, aber vor allem in der Schule kann ihr niemand entkommen: Literatur. Von ,,Damals war es Friedrich“ über ,,Macbeth“ bis hin zu ,,Faust“ wird alles abgeklappert, egal wie trocken, alt oder kompliziert. Die Standardwerke sind ein Muss und für die meisten Schüler pure Qual. Herr Neuhaus sieht das anders! Was der Lehrer für Geschichte und Englisch über Shakespeare denkt und weshalb er Literatur für sehr wichtig hält, erfahrt ihr in diesem Interview.

Wie konsumieren Sie Literatur in Ihrer Freizeit? Lesen Sie viele Bücher oder wird es dann doch lieber Netflix?

Eigentlich sind Bücher, Filme und auch Theaterbesuche dabei, aber aus zeitlichen Gründen komme ich selten zum Lesen. Manchmal höre ich im Auto Hörbücher, viel mehr schaffe ich meistens nicht. Wenn es im Theater eine gute Inszenierung gibt, versuche ich auch, mir die anzuschauen, oft gemeinsam mit den Schülern. Filme und Serien dagegen sind abends etwas leichter einzubringen, deshalb läuft es darauf häufig hinaus.

Und was lesen Sie dann, wenn Sie die Zeit mal finden?

Das ist sehr unterschiedlich. Bei Büchern geht es auch ab und zu in die geschichtliche Richtung, Romane lese ich genauso gerne, das hängt immer davon ab, was mich gerade interessiert.

Wenn ich etwas von einem englischsprachigen Autor habe, versuche ich, das Buch in der Originalsprache zu kaufen, aber sonst lese ich auch manches auf Deutsch.

Als Englischlehrer lesen Sie ja auch mit den Schülern, zum Beispiel Shakespeare. Wie finden Sie diese Standardwerke? Ist das etwas, mit dem Sie sich auch in Ihrer Freizeit auseinandersetzen?

Von Shakespeare war ich immer schon ein großer Fan, das liegt vielleicht daran, dass meine Englischlehrerin das damals wirklich gut vermittelt hat. Im Studium hatte ich etwas mehr Zeit, da habe ich freiwillig Shakespeare gelesen. Das würde ich heute wahrscheinlich auch tun, wenn mehr Zeit übrig wäre. Als ich hier an die Schule gekommen bin, habe ich eine Shakespeare-AG gegründet, in der wir verschiedene Stücke auf die Bühne gebracht haben.

Mittlerweile gibt es da den Literaturkurs, der immer in der Q1 angeboten wird. Wie sind Sie dazu gekommen, den zu leiten? Hängt das mit der Shakespeare-AG zusammen?

Ich habe den vor drei oder vier Jahren von Frau Swoboda übernommen. Es gab damals niemanden, der diese Aufgabe machen wollte und da ich durch die Shakespeare-AG schon ein bisschen Erfahrung sammeln durfte und eine Affinität fürs Theater hatte, habe ich das gemacht. Erst danach habe ich bemerkt, was für ein großer Aufwand so ein Kurs ist und dass das auch gar nichts mit normalem Unterricht zu tun hat – was die Schüler oft selbst gar nicht wissen. Wenn es Richtung Aufführung geht, wird dann vielleicht nicht immer pünktlich Schluss gemacht. Die Zeit stellt eine große Schwierigkeit dar, ein Kurs hat mal einen Film gedreht, den wir hinterher nicht mehr richtig schneiden konnten, weil die Aufnahme selbst so lange gedauert hat.

Wie läuft die Arbeit in einem Literaturkurs dann ab?

Man könnte natürlich ein vorhandenes Stück inszenieren, meistens schreiben die Schüler aber selbst etwas. Dann gibt es eine Gruppe, die sich um diese Aufgabe kümmert und eine, die schauspielert, mit der ich dann Übungen mache, damit die Dinge gelernt werden, die später auf der Bühne wichtig sind. Ich habe einen Bekannten, der professioneller Schauspieler ist und mir das ein oder andere vorschlagen kann. Ansonsten gibt es auch kleine Hefte mit Übungsideen. Das macht wirklich Spaß, vor allem den Schülern.

Wenn ein paar Szenen stehen, gehen wir in die Realschulaula und teilen Rollen ein, was ein bisschen abläuft wie ein Casting. Danach kann schon ein bisschen geübt werden, bis dann am Ende eine Aufführung stattfindet. Damit das funktioniert, müssen natürlich auch Bühnenbilder und Kostüme fertig sein, Sponsoren sind wichtig, die Karten müssen gedruckt werden; das wird oft knapp, weil das zweite Halbjahr durch die ganzen Feiertage kürzer ist als man denkt. Bis jetzt hatten wir aber immer etwas auf der Bühne und Publikum war auch da! (lacht)

Wir haben jetzt die ganze Zeit über die Schüler geredet. Haben Sie schon mal selbst auf der Bühne gestanden?

Ja! In meiner eigenen Schulzeit habe ich Kabarett gespielt, das geht ein bisschen in die Richtung von Comedy oder Satire und ist sehr politisch ausgerichtet. Danach bin ich nur noch ins Theater gegangen, habe aber nicht mehr selbst gespielt.

Dramatik hatten wir jetzt, Epik war auch dabei, was sagen Sie denn zu Lyrik?

Lyrik hat mittlerweile modernere Formen angenommen, zum Beispiel Rap, den Schüler oft zugänglicher finden als ,,die alten Meister“, was ich gut verstehen kann. Im Unterricht kann man das sehr schön verknüpfen.

Ich selbst bin weniger lyrisch unterwegs, aber ich schreibe oft die Songs für unsere Band, was als Englischlehrer nahe liegt, auch wenn ich Schlagzeuger bin und selbst nicht singe. Poetry Slam habe ich mir auch schon mal angeguckt, das ist ein sehr interessantes Genre, weil man so viel miteinander verknüpfen kann, aber da habe ich mich selbst nie drin versucht.

Was denken Sie, bringt es uns überhaupt, Bücher zu lesen, ins Theater zu gehen oder Filme zu schauen?

Ich finde, dass wir heutzutage sehr verschult sind. Es gibt einen genauen Plan und dadurch werden die Leute zu ,,Fachidioten“ ausgebildet, gucken nicht über den Tellerrand. Man macht genau das, was man eben gelernt hat und gut kann. Am Ende kommt da jemand bei raus, der zwar in einem bestimmten Bereich richtig gut ist, aber außerhalb davon kaum Erfahrung oder Wissen hat. Literatur fördert die Kreativität, denn wenn ich mich mit einer Geschichte auseinandersetze und mir Gedanken darüber mache, fange ich an, außerhalb des ,,Kastens“ zu denken, in den ich gestopft werde. Ohne diese Weitsicht werden wir uns irgendwann wahrscheinlich nur noch wie Maschinen fühlen. Deshalb finde ich es wichtig, dass es so etwas gibt und dass diese Sachen auch am Leben erhalten werden. Ich weiß selbst, dass man als Schüler nicht immer Lust darauf hat, ins Theater zu gehen. Ich finde aber, dass wir eine sehr kreative Schülerschaft haben, mit der das Arbeiten auch Spaß macht. Wenn man mit denen so etwas wie ein Theaterstück mal selbst auf die Beine stellt, kommt da meistens etwas Tolles bei raus, auf das man wirklich stolz sein kann.