Corona-Tagebuch: Hundstage oder Chance?

Zwischen Schreibtisch, Schule und kreativer Zeitgestaltung in den eigenen vier Wänden

Von Christian Rasche

Die Corona-Pandemie hat ihren hässlichen Mantel über unsere Gesellschaft gelegt und uns eine Situation beschert, die wir so noch nie erlebt haben. Die Wirtschaft liegt in weiten Teilen am Boden. Auch im privaten Bereich sind diese Auswirkungen spürbar. Wer in der freien Wirtschaft als selbstständiger tätig ist und aktuell keine Aufträge verzeichnen kann, der muss um seine Existenz bangen. Da heißt es einander helfen. Viele Schülerinnen und Schüler haben inzwischen verstanden, dass es wichtig ist, in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Darüber freue ich mich sehr. Homeoffice ist das Zauberwort. Ich bin doch einigermaßen erstaunt, dass so viele Schüler den halben Tag schlafen – zumindest, wenn man den Beiträgen unseres Corona-Tagebuchs Glauben schenken darf. Man könnte es auch positiv formulieren und ihnen ein durchdachtes Zeitmanagement unterstellen.

Aus Lehrerperspektive sieht das jedoch ein wenig anders aus, wobei ich da natürlich nur für mich sprechen kann. Die Zeit im Homeoffice bietet ungeahnte Möglichkeiten, wenngleich mir der tägliche Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern sowie meinen Kolleginnen und Kollegen sehr fehlt. Allerdings habe ich nun mehr Zeit, Fragen zu beantworten, Tipps zu geben oder digital Materialien bereit zu stellen. Eine echte Chance, die in Zukunft viele Veränderungen mit sich bringen wird.

Bisher habe ich meinen Tagesablauf ganz unterschiedlich gestaltet. Es liegen noch einige Klausuren auf dem Schreibtisch, Facharbeiten wollen korrigiert werden und man macht sich seine Gedanken über den weiteren Verlauf des Schuljahres. Daher ist täglicher Nachrichtenkonsum unverzichtbar.

Stetiger Begleiter ist mein Hund Chester. Der hat mit Schülern eine wesentliche Eigenschaft gemeinsam. Er schläft sehr viel. Der tägliche Rundgang an der frischen Luft wirkt derweil etwas befremdlich, da man grundsätzlich viel weniger mit anderen Menschen im Wald spricht, als es sonst der Fall war. Auch im Supermarkt spielen sich gespenstische Szenen ab. Menschen mit Handschuhen und Mundschutz versuchen krampfhaft an die letzten Rollen Zellstoffgold – sprich Toilettenpapier – zu kommen. Ein Gefühl des Fremdschämens macht sich breit. Konserven, Nudeln…alles weg. Wie gut, dass ich selber gerne koche und meine Eistruhe voll mit Wild ist. Zeit genug, um mal wieder längst eingestaubte Rezepte zu testen. So ganz ohne Konserven…frische Lebensmittel sind nämlich durchaus zu bekommen und ein schneller Gang durch den Supermarkt wirkt in Zeiten wie diesen fast schon wie ein Tagesausflug. Auch am Nachtisch darf nicht gespart werden. Bierkistenkuchen zum Beispiel ist ein echter Hingucker.

In den Abendstunden darf es dann gerne Netflix oder Prime oder Sky oder oder oder sein. Sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass dort Filme nicht zu finden sind, gibt es immer noch die gute alte Bluray. Indianer-Jones, StarWars, Herr der Ringe…vieles ist möglich. Auch Brettspiele sind durchaus wieder im Rennen. Erst kürzlich habe ich Monopoly gespielt und dank strategischer Finesse gewonnen. Meine Frau sieht das anders und glaubt, es sei pures Glück gewesen. Lächerlich… 😉 Nach Spielende wäre die Stimmung durchaus ein Fall für die Eheberatung gewesen. Hätte aber eh nichts gebracht, denn rausgehen darf man ja nicht…

Welche Lehren ziehen wir aus dieser Zeit? Ich glaube, dass wir erkannt haben, dass unsere Wohlstandsgesellschaft auf sehr dünnem Eis steht. Wir lernen, was die Begriffe Individualität, Solidarität und Freiheit wirklich bedeuten. Viele werden sehen, wie verwöhnt sie bisher gelebt haben und wie schwer es fällt Verzicht zugunsten anderer zu üben. Ich bin auf die Zeit nach Corona gespannt. Wird sich alles wieder normal einpendeln? Wird alles einfach wie vorher oder wird sich der Umgang miteinander und der Umgang mit unserer Natur ändern? Ich habe darauf keine Antwort…aber noch viel Zeit mir darüber Gedanken zu machen.