Die Geschichte vom mutigen, kleinen Komma: Wenn Korrekturen zur Kreativität anregen

Von Greenlionz-Redaktion

Das Korrigieren von Klausuren ist ganz normaler Bestandteil des Lehrerjobs. So sufwändig eine Klausurkorrektur auch sein mag, insbesondere bei Leistungskursen, so spannend kann sie jedoch auch sein, weil sie viele Dinge über ihren Schreiber verrät, wenn man genau hinguckt. Die Korrektur einer Deutsch-LK-Klausur sorgte nun für kreative Momente.

Dass man MAL einen I-Punkt vergisst oder sich bei bestimmten Schreibweisen nicht sicher ist oder die Bedeutung eines Wortes durch Weglassen von Konsonanten unbewusst verändert, wie bei Quallen und Qualen, kann durchaus vorkommen.

Eher selten ist das Phänomen, dass ein LK-Schüler innerhalb seiner Klausur kein einziges Komma verwendet. Das stimmte auch den korrigierenden Lehrer nachdenklich, da der Schreiber offensichtlich eine schlechte Beziehung zum Komma hat. Der Leidtragende ist letztlich das kleine Komma. Es hat keine Stimme und wird einfach ignoriert…Das musste sich ändern und hat den korrigierenden Lehrer zu einem kleinen Text inspiriert.

Das mutige kleine Komma

Es war einmal…

vor vielen hundert Jahren, im weit weit entfernten Land der Sätze. Krieg war ausgebrochen zwischen den großen Hauptsätzen und den vielen scheinbar kleinen Nebensätzen. „Wir brauchen niemanden! Wir sind die Stärksten im ganzen Land“ riefen die großen Hauptsätze, die nur die wichtigsten Worte ihres Landes in ihren Reihen vereinten und so die Alleinherrschaft für sich beanspruchten. „Wer braucht euch schon? Ohne uns seid ihr wertlos!“, lachte ein dicker, schmieriger Hauptsatz, der sich mit einem so großen Ausrufezeichen schmückte, dass die kleinen Nebensätze vor Angst erzitterten. Und wie sie zankten und stritten und zeterten übersahen sie den Kleinsten in ihrer Mitte. Er war so klein, dass er zwischen den kämpfenden Sätzen beinahe zertrampelt wurde. Hin und her geschubst von den Großen, saß das kleine Komma traurig auf einem Stein. Es war vom Stamme der Satzzeichen und weil es so klein war, schenkte ihm kaum jemand Beachtung. „Niemand will mich haben. Ob ich existiere oder nicht, scheint allen egal“, schluchzte Komma. Etwas entfernt klagte auch klein Semikolon sein Leid: „Was soll ich denn sagen? Alle glauben, ich würde mich für etwas Besseres halten, nur weil ich nen coolen Punkt trage und niemand kann mir sagen, wo ich eigentlich hingehöre. Ich werde mich erhängen“, heulte es und legte sich einen Strick um den Hals. „Adé du schöne Welt“, rief Semikolon und warf sich in die Schlinge. Doch als der Strick zwischen Punkt und Strich hindurch glitt, musste Semikolon erkennen, dass es zu einem scheinbar nutzlosen Dasein verdammt war. Es verlies das Land der Sätze und ging ins Exil; auf eine Insel mit dem klangvollen Namen „Divers“.

Da ergriff Komma eine tiefe Wut. Er sprang auf und ballte seine nicht vorhandene Faust gen Himmel. „So will ich nicht enden! Zumal der Strick bei mir wahrscheinlich halten würde“.  Komma stampfte mutigen Schrittes zwischen die kämpfenden Sätze und schrie aus tiefster Kehle: „Haaaaaaalt, STOPP, Jetzt rede ICH!!!!“. Die Sätze wichen, ähnlich einem Elefanten, der vor einer Maus zusammenzuckt, erschrocken zurück. Hatten Sie doch nie zuvor klein Komma so wütend erlebt.

„Ich ertrage eure Streitereien nicht. Wir leben doch alle gemeinsam in diesem schönen Land. Ihr müsst doch erkennen, dass ihr gemeinsam viel stärker seid als der Einzelne. Erkennt ihr nicht, dass trotz aller Unterschiedlichkeit jeder etwas Besonderes ist? Ihr müsst nur genau hinsehen. Hört einander doch zu. Reicht euch die Hände“, sprach Komma mit vor Traurigkeit bebender und zunehmend ruhiger werdender Stimme. Die Sätze hielten inne, starrten vor sich hin und schienen beinahe peinlich berührt.

„Sagt, was ihr zu sagen habt“, sprach der dicke Hauptsatz mit ruhiger Stimme zu einem Nebensatz. Dieser trat einen Schritt vor, blickte dem Hauptsatz in die Augen und flüsterte: „Eigentlich heiße ich Konditionalsatz.  Wenn wir uns zusammenschließen, können wir für alle die Bedingungen unseres Zusammenlebens festlegen. Du hast recht, wenn du sagst, dass wir ohne euch nicht sein können. Doch erst durch uns wachst ihr zu wahrer Größe und Bedeutung“.

„Meine Schwester hat recht. Wir wollen mit euch zusammenleben, damit wir eine gemeinsame Zukunft haben. Das allein ist unsere Absicht“, murmelte Finalsätzchen.

Da fielen sich die Sätze in die Arme, vergaßen ihre Streitereien und feierten ein großes Fest. Nur einer fehlte. Abseits aller Festlichkeiten hatte Komma seine Sachen gepackt. Er freute sich für alle, waren sie doch nun friedlich vereint, doch musste er erkennen, dass er noch immer ganz alleine war. Und wie er sich aufmachen wollte, da rief der dicke Hauptsatz mit seiner ihm ganz eigenen Appellstimme und von vielen hübschen, schlanken Ausrufezeichen umgeben: „Komma! Komma zu uns! Wir haben zu reden!“

Betreten schlurfte Komma in die Mitte aller Sätze. „Komma, wir haben dir zu danken. Ohne dich wären wir nie vereint worden. Daher sollst du fortan immer in unserer Mitte sein und zusammenführen, was zusammengehört. Wir ernennen dich hiermit zum wichtigsten Satzzeichen aller Satzzeichen. Erst deine Anwesenheit zeigt uns, wieviel Bedeutung in uns steckt“.

Da strahlte das Komma und all sein Trübsal war wie weggeblasen.

Und die Moral von der Geschicht:

Egal wie finster es im Leben doch ist, irgendwo erstrahlt ein Licht. Nur für Semikolon galt das nicht…

C. Rasche